Sächsische Zeitung

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Die Diva als Adonis

Mit nackten Schönlingen, hauchzarten Wandbildern und pfiffigen Gefäßen startet in Meißen die Künstlergruppe “Weißer Elefant”. Sie experimentiert mit Porzellan – ohne den Segen der Manufaktur.

Der Typ sieht gut aus. Breites Kreuz, definierte Muskeln und auch sonst prachtvoll ausgestattet. Lässig liegt er da: erwartungsvoll, provokant, nackt. Auf anderen Sockeln stehen pfiffig gestaltete Gefäße, aparte Schönheiten und andere fantasievoll bemalte Unikate aus Porzellan. Sie prägen eine Ausstellung, wie sie die europäische Porzellanhauptstadt Meißen so noch nicht erlebt hat. Mitten im historischen Zentrum, nur wenige Meter von der traditionsreichen Staatlichen Manufaktur Meissen entfernt, starten heute Künstler mit einer furiosen Schau. Diese wird für Aufsehen sorgen, vielleicht für Aufregung, eventuell für Krach. Sie könnte sie ein neues Kapitel für Porzellan aus Meißen begründen.

Fünf ehemalige Spitzenleute der bisher die Region dominierenden Manufaktur haben eine Künstlergruppe gegründet. Sie, die allesamt in den vergangenen Jahren gekündigt worden waren, „wollen das Potenzial des Porzellans neu, ohne Scheuklappen oder Grenzen ausloten“, sagt Designerin Sabine Wachs. Ihr Name ist besonders mit der Entwicklung des wunderbaren Meissen-Services „Wellenspiel“ verbunden. Zur Gruppe – die anderen Künstlern offen steht und Kräfte bündeln soll – gehören derzeit auch die Designerin Gudrun Gaube, die Bildhauerin Silvia Klöde, der Gestalter Andreas Ehret und Designer Olaf Fieber. Ihre einst für die Manufaktur gefertigten Unikate haben bei Sammlern einen guten Ruf.

Das Vorhaben der Gruppe ist ebenso spannend wie gewagt: Denn das amorphe Material neu zu befragen, es originell, verblüffend, gar streitbar zu gestalten, ist in der Manufaktur seit geraumer Zeit nicht mehr gefragt. Obwohl das moderne Meissener zu DDR-Zeiten und bis Ende der 90er-Jahre gefördert wurde und sich mit beachtlichen Umsatzsteigerungen verkaufen ließ. Derzeit sucht die Manufaktur ihr Heil eher in ganz anderen Bereichen, setzt neben der qualitätvollen Erbepflege stark auf Accessoires, Kitsch und bemalten Stoff.

Die fünf, zwischen 46 und 56 Jahre alt, hingegen versuchen, die reichen porzellankünstlerischen Traditionen der Stadt auf einem zeitgemäßen und hohen Niveau fortzuführen“. Entsprechend haben sie sich einen interessanten Titel gesucht: „Weißer Elefant“. Die Nähe zu „Weißes Gold“ als Synonym für das Meissener mit dem Markenzeichen der Blauen Schwertern oder zur bahnbrechenden Malergruppe „Blauer Reiter“ ist gewollt, ambitioniert und witzig. Weiß kann auch für den berühmt schönen Meißner Scherben stehen. Die fünf verwenden quasi die gleichen Grundsubstanzen fürs Material. Und der Elefant wurde gewählt, weil das Tier als klug und stark gilt und außerdem nie vergisst. Mal sehen, ob die Manufaktur gegen die neue “Konkurrenz” vorgeht, sich quasi wie ein Elefant im Porzellanladen verhält? Dem staatlichen Unternehmen wird eine gewisse Wegbeiß-Mentalität nachgesagt.

Der Start vom „Weißen Elefanten“ jedenfalls wird prominent begleitet: Ex-Innenminister Heinz Eggert spricht zur Eröffnung. Und der gegenwärtige kunsthistorische Porzellanpapst Christian Lechelt will klar machen, was diese neue Künstlergruppe so interessant macht. „Höchste Kreativität und Innovationsfreude verbindet sich bei ihnen mit jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit dem Werkstoff. Sie stellen Seh- und Gestaltungsweisen auf den Kopf und finden dabei überraschende, heutige Lösungen.“ Das ist schwierig genug, weil das Porzellan unverändert ein heikles Unterfangen ist und noch immer Geheimnisse birgt. So verliert es beispielsweise beim Brennen bis zu einem Drittel seiner Masse, die Farben ändern sich im Ofen, andere Materialien sind schwer zu kombinieren. Lechelt sagt deshalb: „Das Porzellan ist die Diva unter den künstlerischen Materialien.“

Die erste Schau des „Weißen Elefanten“ steht in einem charmanten mittelalterlichen Haus in der Görnischen Gasse – direkt am Touristenpfad vom Burgberg zur Manufaktur. Das noch zu sanierende Objekt birgt großes Potenzial, finden die freien Porzelliner und suchen Verbündete. Hier könnten ein Handwerkerhof, Ateliers oder auch ein besonderes Museum entstehen. „Es gibt Sammler, die einen Ort für ihre Schätze von den Meissen-Altmeister aus DDR-Zeit wie Ludwig Zepner und Heinz Werner suchen“, sagt Andreas Ehret. Derzeit sind sie, dem das „Weiße Gold“ wichtige Impulse zu verdanken hat, kein Thema in der Stadt ihres Wirkens.

Aber ihre Schüler zeigen beim „Weißen Elefanten“ Novitäten. So stellt Olaf Fieber eine faszinierende Weiterentwicklung der ehrwürdigen Porzellan-Wandbilder vor. Sie sind bei ihm nicht dick oder auftrumpfend, sondern hauchdünn. Nur teilweise glasiert erhalten sie effektvolle Oberflächen und eine geradezu schwebende Leichtigkeit.

(Zitat/Quelle: Sächsische Zeitung,  Berd Klempnow)