MORGENPOST am Sonntag

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“MEINE WOICHE” von Heinz Eggert

Elefant im Porzellanladen

In meiner Kindheit besuchten meine Mutter und ich einmal im Jahr eine Tante, die – wie die Verwandtschaft tuschelte – schon bessere Zeiten gesehen hatte. Ihr Mann und ihr einziger Sohn waren im Krieg geblieben, die kleine Fabrik war enteignet worden. So saßen wir dann – immer ein wenig beklommen- in ihrem schönen bürgerlichen, den verblassenden Reichtum ausstrahlendem Wohnzimmer an einem reich mit Schnitzereien verzierten Tisch, der mit Meissner Porzellan eingedeckt war, dass meine Mutter so liebte, aber das für sie unbezahlbar und damit unerreichbar war. Also tröstete sie sich mit dem sammeln von Sammeltassen. Seit diesen Besuchen sind mir die „Blauen Schwerter“ vertraut und immer ein wenig mit dem Nimbus des Geheimnisvollen umgeben. Daran musste ich denken, als ich las, dass die Porzellan- Manufaktur Meissen Mitte Oktober 2010 als “unverkäuflich” eingestufte Ware laut auf dem Firmengelände zerstört hatte.

Offensichtlich gibt es einen betriebseigenen Elefanten im Meissner Porzellanladen.

Die Erklärung des Manufakturchef Kurtzke:“ Die Maßnahme sei ein weiterer, entscheidender Schritt im Rahmen des Strukturwandels und bei der Sanierung des Traditionsunternehmens”, hätte meine Mutter empört. Ich habe sie unter Ulk verbucht, wobei mir an der Sanierung des Traditionsunternehmens viel liegt.

Inzwischen sind über 200 Mitarbeiter entlassen worden und in Mailand wurde vor ein paar Tagen mit Millionenaufwand eine „Villa Meissen „eröffnet, die der Welt die Blauen Schwerter näher bringen soll.  Da kann ich nur die Daumen drücken, dass der Verkauf und der Absatz des Meißner Porzellans, die Unkosten decken. Denn ansonsten würden die Verluste den sächsischen Steuerzahler drücken. Fast 10 Millionen € Steuermitteln sind bis jetzt in diesen Staatsbetrieb geflossen. Umso mehr ärgert mich, dass sich der betriebseigene Elefant auch in der Stadt und der Region Meißen zu schaffen macht.
In einem jahrelangen juristischen Streit verbietet die Porzellan-Manufaktur Meissen anderen Porzellanherstellern und Porzellankünstlern in Meißen die Kennzeichnung „ Meissen/Germany“ zu verwenden. Erstaunlich , dass sich die Stadt noch so nennen darf.
Das ausgerechnet ein Staatsbetrieb den künstlerischen Mittelstand in Meißen so massiv ausbremst ist ein politischer Skandal und beschädigt den guten Ruf des Meißner Porzellans – nicht nur des Porzellans mit den „Blauen Schwertern“.

Am Freitag war ich zur Eröffnung der fantastischen Porzellanausstellung der Gruppe “Weißer Elefant“.

Der große Ansturm begeisterter Besucher überraschte selbst Andreas Ehret, Olaf Fieber, Gudrun Gaube, Silvia Klöde und Sabine Wachs , die sich zu einer Künstlergruppe zusammengeschlossen haben, um gemeinsam auf ihre künstlerischen Porzellanarbeiten und die Porzellanstadt Meißen aufmerksam zu machen.
Denn Porzellan und Meißen sind mehr als nur die Manufaktur, die sich lieber phantasiereich und innovativ dem Wettbewerb stellen sollte, als andere mit juristischen Mitteln zu blockieren.

Porzellan ist schon genug zerschlagen worden. Oder?

(Zitat/Quelle: Morgenpost, Heinz Eggert)