Rede zur Eröffnung der Gruppenausstellung “Weißer Elefant”

Rede zur Eröffnung der Gruppenausstellung “Weißer Elefant”

Meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Ich freue mich, dass ich zur Eröffnung der Gruppenausstellung „Weißer Elefant” eingeladen wurde, obwohl mich auf der Einladung der Gruppenname irritierte.

Elefant und eine Porzellanausstellung.

Wer der Bildersprache mächtig ist – und ich kann mir heute Abend im Publikum keinen ohnmächtigen vorstellen – ahnt welches Bild in mir auf kam. Natürlich – der Elefant im Porzellanladen! Was hier zunächst einmal noch nichts heißen muss. Denn ein Elefant kann auch sehr gutmütig und brav sein und muss beileibe nicht so viel Porzellan zerschlagen wie mancher Geschäftsführer. Vielleicht ist aber auch schon so viel Porzellan zerschlagen worden, dass man eine Künstlergruppe „Weißer Elefant“  braucht, die einen wahren künstlerischen Wettbewerb und Ideensturm mit einem Material entfacht, das einzig und immer wieder durch das Feuer geboren wird: Porzellan. Die gebrannte künstlerische fassbare und anfassbare Dreidimensionalität.

Das Ganze noch in einer Stadt, die zu Recht die Stadt des Porzellans ist und sich noch so lange Meißen nennen darf, bis dagegen geklagt wird.  Es tut den Künstlern, den Besuchern und der Stadt gut, wenn Vielfalt gegen Einfalt gesetzt wird und wenn man das ganze vorhandene innovative und künstlerische Spektrum in Meißen – rund um das Porzellan wahrnehmen kann – nicht in beschränkender Konkurrenz zu einander sondern in einem Wettbewerb innovativer und phantasievoller Gestaltungsmöglichkeiten. Natürlich fiel mir bei diesem Gruppenname nicht nur der Elefant im Porzellanladen ein, sondern auch folgende Geschichte, die viel, viel älter ist als die Porzellan Tradition in  dieser Stadt.

“Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Die waren alle blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf die Reise geschickt, herauszufinden, was denn ein Elefant sei. So machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie zu einem Elefanten geführt. Die fünf Gelehrten standen im Kreis um das Tier und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen. Zurück bei ihrem König, berichteten sie nun, was ein Elefant ist. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden, und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: “Ein Elefant ähnelt gewiss einer Wasserpfeife.” Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: “Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.” Der dritte sprach: “Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.” Er hatte das Bein des Elefanten berührt. Der vierte Weise sagte: “Es ist so: ein Elefant ist wie ein kurzes Seil mit Fransen am Ende.”, denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet. Der fünfte Weise berichtete seinem König: “Ein Elefant ist wie eine Art Königsthron.” Dieser Gelehrte hatte den Rücken des Tieres berührt.

Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen entstand eine große Verwirrung und die Gelehrten fürchteten sich vor dem Zorn des Königs, denn jeder neue Bericht überführte die anderen der Unwahrheit. Jeder war sich sicher, dass er Recht hätte und sie konnten sich nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte weise: “Ich danke euch, denn nun weiß ich, was ein Elefant ist.” Jetzt erkannten die Gelehrten, dass kein Grund für einen Streit bestand. Hatten sie doch gemeinsam die wahre Gestalt des Elefanten erfahren.”

Genau das ist – und wir werden es heute Abend sehen und müssen  noch  nicht einmal  darüber streiten:  Die Größe dieser  Gruppe, die sich  aus Malern, Plastikern und Gefäßgestaltern  zusammensetzt, besteht darin, dass sie sich nicht über Abgrenzungen sondern über sehr  individuelle künstlerische Anpassungen definiert und Tradition nicht gegen unkonventionelle moderne Entwürfe ausspielt, sondern beides als Bereicherung empfindet. Denn wer  im Sinne des Wortes“ be-greifen „will darf  die Gesamtsicht nicht vernachlässigen. Und das einzeln Ertastete nicht für die Gesamtwirklichkeit halten. Wie beim Elefanten in der Fabel werden wir die so unterschiedlichen  Arbeiten von Gudrun Gaube, Silvia Klöde, Sabine Wachs, Andreas Ehret und Olaf Fieber einzeln betrachten und betasten  und dann erkennen – wie in der Fabel die Gelehrten: „dass kein Grund für einen Streit bestand. Hatten sie doch gemeinsam die wahre Gestalt des  „Weißen Elefanten „ erfahren.”

Dabei wünsche ich uns allen viel Entdeckerfreude und Spaß! Dieser Gruppe aber wünsche ich, dass sie in Zukunft – genauso wie ein großer weißer Elefant nicht übersehen wird!

Heinz Eggert
(Staatsminister a.D., Präsident der Fernseh Akademie Mitteldeutschland e.V.)