Rede zu “Weißer Elefant” von Christian Lechelt

Rede zu “Weißer Elefant” von Christian Lechelt

Liebe Gäste, liebe Künstlerinnen und Künstler,

es ist mir eine besondere Freude, heute anlässlich der ersten Ausstellung der Künstlergruppe Weißer Elefant sprechen zu dürfen.

Seit gut 100 Jahren beschäftigt sich die Kunstgeschichte mit Porzellan. Seitdem ist viel geforscht, gedacht, gesagt und geschrieben worden. Hier etwas zufügen zu wollen, scheint schwierig. Wollten sich Autoren an ihre zeitgenössischen Künstler richten, so erfolgte dies gerne über den Umweg der Vergangenheit, aus der man die Maßgaben für die Gegenwart ableitete.Unter dem Stichwort der Materialgerechtigkeit wurde verlangt, sich vor allem mit dem Porzellan des 18. Jahrhunderts auseinanderzusetzen, als berge es ewig gültige Gesetze.

Aber Porzellan ist mehr als Tradition und Nostalgie. Es ist ein Material der Möglichkeiten und Herausforderungen. Stets wird auf die komplizierte, anspruchsvolle Technologie verwiesen, die das Porzellan zur glücklichen Verarbeitung erfordert. Die Perfektion von strahlendem Weiß und spiegelndem Glasurglanz erfordere eine makellose Oberfläche ohne
sichtbare Spuren der Künstlerhand. Tatsächlich lässt sich nicht einfach so mit Porzellan arbeiten – zumindest nicht erfolgreich. Die weiße Masse verlangt Hingabe und intensive Auseinandersetzung. Die Technik muss gelernt und geübt sein, um nicht immer wieder an dem Material zu scheitern. Doch dann eröffnen sich einzigartige Ausdruckswerte, die mit
den Stilvorgaben des Rokoko längst nicht erschöpft sind.

Porzellan auf die graziöse Tändelei zu reduzieren ist eine unbotmäßige Beschränkung. Wie viel mehr möglich ist, zeigt
bereits ein Rundblick hier in diesem Raum, den Andreas Ehret, Olaf Fieber, Gudrun Gaube, Silvia Klöde und Sabine Wachs mit ihren neuesten Arbeiten gefüllt haben. Außerordentliche Talente sind alle fünf, über viele Jahre hinweg haben sie das Porzellan erforscht, sind dabei an Grenzen gestoßen. Diese Grenzen waren aber der Ansporn zur Überwindung, weiter zu gehen, auf neuen Wegen. Sie haben es sich nie bequem gemacht mit einer einmal gefundenen Idee. In den vergangenen Jahren mussten sie tiefe Zäsuren durchstehen, schwierige Phasen der Neuorientierung forderten sowohl die künstlerische als auch die persönliche Kraft. Doch ungebrochen ist der Wille und die Liebe zum Porzellan.

Gudrun Gaube begeistert mit Porzellanmalereien, die zugleich von exquisiter Feinheit und unverkrampfter Spontaneität sind. Ihr Schaffen fußt auf den klassischen Dekorgattungen der Blumen-, der Frucht- und der Tiermalerei und der Entwurf von Seriendekoren gehört auch zu Gaubes Repertoire. In ihren freien, unikativen Arbeiten geht sie weit über die
Schmuckfunktion eines gemalten Dekors hinaus. Doch ihre Malereien auf Porzellan degradieren den Teller, die Schale und die Vase nicht zum Bildträger. Form, Material und Oberfläche bezieht sie in ihre Darstellungen ein. Achten Sie einmal besonders auf ihre Kompositionen, wie sie die Motive auf der plastischen Form verteilt. In diesem Zusammenhang
muss ich unbedingt auf Gaubes Schriftkunst hinweisen, in der sich das eben Gesagte noch einmal steigert.

Von saftigen Porzellankerlen über Komödianten des Alltags und Figuren des Dramas bis zu zahmen und wilden Tieren reicht die Bandbreite des plastischen Werks von Andreas Ehret. Unverwechselbar ist sein Figurenstil, diese Architektur aus Porzellanplatten ganz unterschiedlichen Zuschnitts. So wirkt manche Figur wie ein flüchtiges Kaleidoskopbild, eine andere erinnert an einen verwitterten Torso, dessen Teile in Gedanken wieder zu einem Ganzen werden. Ehrets Arbeiten sind zugänglich und klar lesbar, aber doch fern von jedem banalen Naturalismus.

Der Künstler als Narr, der eulenspiegelgleich mit hintergründigen Witz unterhält und aufmerksam macht, ist Olaf Fiebers selbst gewähltes alter ego. Seine Themen lauscht er dem Alltag ab und reflektiert darüber in seinen Plastiken. Oftmals arbeitet er mit Naturabgüssen, die er collagehaft in seine Figuren integriert. Meist lässt er das Weiß des Porzellans
dominieren und beschränkt sich in der Staffage auf wenige, dafür aber um so kräftigere Farben.

Vielseitig talentiert ist Sabine Wachs, sie arbeitet in der Fläche wie auch plastisch, malt und formt. Ihr künstlerisches Wollen drängt sie in alle Bereiche der Porzellankunst, wobei sich ihr Können in umfangreichen Projekten am eindrucksvollsten offenbart. Einen besonderen Aspekt in ihrem Schaffen bilden baugebundene Werke, eine wirklich nicht alltägliche Erscheinungsform des Porzellans.

Im Mittelpunkt von Silvia Klödes Kunst steht steht die menschliche Figur, im großen wie im kleinen Format. Wunderbar sind ihre Frauenbüsten, plastisch kraftvoll und unmittelbar. Mit Vorliebe lässt sie aber auch Figurengruppen erstehen, deren erzählten Geschichten der Betrachter mit Lust nachspürt. Klöde versteht sich auf die großzügig aufgefasste Form
ebenso wie auf das minutiös ausgearbeitete Detail. Unbedingt hingewiesen sei in diesem Zusammenhang daher auch auf ihre seit vielen, vielen Jahren intensive Auseinandersetzung mit dem Kleinrelief. Sie ist eine ausgesprochen talentierte Medailleurin und hat in dieser Gattung Weg weisendes vorgelegt.

Ehret, Fieber, Gaube, Klöde und Wachs haben sich in diesem Jahr zu einer Gruppe zusammengeschlossen, um Kräfte zu bündeln und Knowhow zu teilen. Unter dem Namen „Weißer Elefant“ präsentiert sich die Gruppe nun erstmals in der Öffentlichkeit und wir dürfen viel von den Fünfen in Zukunft erwarten. In Thailand gilt der Weiße Elefant als heilig, sein Besitz ist königliches Privileg. Zum Glück sind die Künstlerinnen und Künstler viel zugänglicher und ihre Werke offen für uns alle!

Christian Lechelt, M.A., Kunsthistoriker